Belästigung am Arbeitsplatz

Belästigung am Arbeitsplatz

Wenn die Arbeit zum emotionalen Spießrutenlauf wird

Auf der einen Seite diskutieren die Medien über die Frauenquote, die im kommenden Jahr in einigen Branchen verbindlich eingeführt werden soll. Frauen haben weniger Aussichten auf Karriere, sitzen seltener in gehobenen Positionen und verdienen im Durchschnitt schlechter als ihre männlichen Kollegen. Mit entsprechenden Gesetzen will die Politik hier Maßstäbe setzen und Frauen die Gleichberechtigung gewährleisten, die sie zu Recht fordern.

Das ist das eine Problem, dass nicht nur in Deutschland heißt diskutiert wird. Doch darüber hinaus bewegt ein anderes Thema das weibliche Geschlecht betreffend nach wie vor die Gemüter: die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Hier stehen Frauen – und mit ihnen die ganze Gesellschaft – vor einer Schwierigkeit, die sich nicht einfach mit einer entsprechenden Gesetzgebung regulieren lässt.

Fakten zur Belästigung am Arbeitsplatz

Das aktuelle Gesetz gegen sexuelle Belästigung ist 2006 in Kraft getreten und Teil des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). Es betrifft demnach „unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, das die Würde der betreffenden Person verletzt“.

Einer aktuellen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zufolge haben mehr als die Hälfte aller in Deutschland Beschäftigten bereits eine Situation im Berufsleben erlebt, die rechtlich gesehen unter den Begriff der sexuellen Belästigung anzusiedeln ist. Dabei handelt es sich sowohl um Männer als auch Frauen, Opfer, wie auch Zeugen solcher Situationen. Diese hohe Zahl ist schockierend. Ebenso erschreckt es, dass im Allgemeinen eine große Unwissenheit bezüglich der Gesetzgebung herrscht. Ein Großteil der Betroffenen ist sich in der jeweils erlebten Situation gar nicht bewusst, dass hierbei bereits der Tatbestand der sexuellen Belästigung erfüllt wird. Viele Arbeitnehmer kennen ihre Rechte nicht, ebenso wenig wie zahlreiche Arbeitgeber. Denn diese stehen in der so genannten Fürsorgepflicht und müssen ihre Mitarbeiter vor sexuellen Übergriffen ebenso schützen wie vor verbalen Äußerungen, die sexuelle Intention entspringen und als Belästigung zu werten sind.

Was ist eine sexuelle Belästigung im Sinne des AGG?

Sexuelle Belästigung gilt als Diskriminierung und ist rechtswidrig. Dem Gesetz nach ist sie ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten. Dazu gehören sowohl Handlungen und sexuell bestimmte körperlichen Berührungen als auch Bemerkungen, die einen sexuellen Inhalt haben. Im Büro kann auch eine pornografische Darstellung unter den Tatbestand einer sexuellen Belästigung fallen, wenn mit diese bewirken, dass die Würde einer Person verletzt wird, oder wenn die gezeigte Darstellung ebensolches bezweckt.

Wichtig ist hierbei zu wissen, dass der Arbeitgeber Sorge dafür zu tragen hat, dass sexuelle Belästigung im Unternehmen nicht geduldet wird. Er unterliegt der Fürsorgepflicht und muss seine Mitarbeiter vor Belästigung hinreichend schützen und im Falle eines ihm angezeigten Vorfalls entsprechend handeln, notfalls mit einer fristlosen Kündigung. Tut er dies nicht oder kommt er seiner Fürsorgepflicht nicht nach, drohen auch dem Arbeitgeber Strafen. Außerdem wird er unter Umständen gegenüber dem betroffenen Mitarbeiter schadensersatzpflichtig. Mitarbeiter, die sich sexuell belästigt fühlen und dadurch in ihrer Arbeit gestört werden, genießen zudem unter bestimmten Umständen, ein Leistungsverweigerungsrecht. Dies bedeutet, dass es rechtens sein kann, dass der Arbeitnehmer, der den sexuellen Übergriffen ausgesetzt ist, ohne Geldeinbußen zuhause bleiben darf, um sich vor weiterer Belästigung zu schützen.

Soweit besteht also eine konkrete gesetzliche Grundlage. Doch in der Praxis lässt sich der Tatbestand der sexuellen Belästigung nicht immer so konkret ermitteln. Während körperliche Zugriffe eindeutig sind, ist bei verbaler Belästigung schwerer eine Grenze zu ziehen: Wo fängt die Belästigung an? Kann beispielsweise ein vermeintlich harmloser anzüglicher Witz bereits den Tatbestand erfüllen? Rechtfertigen Anmach-Sprüche eine fristlose Kündigung?

Hier müssen Gerichte im jeweiligen Einzelfall entscheiden, ob es sich bei dem Vorfall um einen Akt der sexuellen Belästigung handelt oder nicht. Entscheidend ist hierbei nicht allein die Handlung oder die verbale Äußerung, sondern auch die Absicht, die damit verfolgt wurde, die Wirkung, die bei dem Betroffenen erzielt wurde, ob die Person diskriminiert und ihrer Würde verletzt wurde, ob die Wirkung beabsichtigt war und in welchem Umfeld der Vorfall generell stattgefunden hat.

Was können Betroffene tun?

Der Akt der sexuellen Belästigung ist häufig einer, der auf einer rein emotionalen Ebene stattfindet und subjektiv wahrgenommen wird. Was die eine Person vielleicht mit einer abfälligen Antwort abtun kann, beschämt eine andere vielleicht zutiefst. Wichtig ist, die eigenen Empfindungen ernst zu nehmen und sich gegen die Handlungen und / oder Bemerkungen, die das Gefühl der Scham, der Entwürdigung und der Beleidigung hervorgerufen haben, zur Wehr zu setzen.

Sofern dies möglich ist, sollte Sie in dieser Situation direkt unmissverständlich auftreten und diese Art der Behandlung strikt von sich weisen. Weisen Sie den Täter darauf hin, dass es sich hierbei um sexuelle Belästigung handelt und sie dies nicht dulden. Machen Sie Ihrem gegenüber klar, dass Sie sich beschweren werden und unter Umständen den Vorfall auch öffentlich machen. Da Betroffene in der akuten Situation häufig überrumpelt sind und sie sich erst später darüber klar werden, was diese Situation für sie bedeutet, ist es alternativ möglich, sich zeitlich verzögert schriftlich über den Vorfall entsprechend zu äußern.

Wichtig ist es hierbei, äußerst sachlich und so ruhig wie möglich zu bleiben. Zeigen Sie dem Täter auf, dass es bei Wiederholung Konsequenzen geben wird.

Protokollieren Sie den Vorfall, insbesondere, wenn es kein Einzelfall ist. Ihre Aufzeichnungen werden im Falle einer gerichtlichen Auseinandersetzung von äußerster Wichtigkeit sein und dienen Ihnen zur Beweisführung. Im besten Fall hinterlegen Sie Ihre Aufzeichnung eidesstattlich versichert bei einem Rechtsanwalt.

Informieren Sie umgehend Ihren Arbeitgeber. Je nachdem, wie das Unternehmen strukturiert ist, können Sie den Betriebsrat, die Gleichstellungs- bzw. Frauenbeauftragte oder eine andere betriebliche Vertrauensperson ebenfalls über den Vorfall in Kenntnis setzen. Seien Sie sich bewusst, dass Ihr Arbeitgeber zu einer genauen Prüfung des Vorfalls ebenso verpflichtet ist, wie dazu, Sie über die Ergebnisse dieser Prüfung umgehend zu informieren. Wenn Sie es für nötig erachten, verweisen Sie darauf, dass Sie vor weiteren Übergriffen dieser Art geschützt werden wollen.

Sollten Sie gesundheitlichen Schaden befürchten, steht Ihnen unter Umständen Schadensersatz zu. Ziehen Sie hierzu sowohl einen Arzt als auch einen Anwalt zurate.

Zwar kann eine Auseinandersetzung Kräfte zehrend sein, auch befürchten Betroffene vielleicht, das Betriebsklima nachhaltig zu stören, doch seien Sie sich bewusst, dass eine Duldung der Übergriffe langfristig gesehen wesentlich weitreichende Folgen für Sie haben kann.

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